Sexuelle Gewalt und Geburt

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Sexuelle Gewalt und Schwangerschaft

Hier ist ein Beispiel für einen Vortrag, den eine Mitarbeiterin des  notruf auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Geburtsvorbereitung in Bremen 2013 zu diesem Thema hielt:

„Arbeitstitel dieser Jahrestagung ist es, Frauen zu stärken. Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt haben, brauchen Stärkung. Jede siebte Frau wird im Laufe ihres Lebens Opfer strafrechtlich relevanter Formen sexueller Gewalt.[1] Sexuelle Gewalt hat tiefgreifende Folgen für die Persönlichkeitsentwicklung. Ein genauso tiefgreifendes Ereignis ist eine Geburt, durch die nicht selten tiefsitzende Ängste reaktiviert werden. Was passieren kann, wenn sexuelle Gewalterfahrungen in der Vorgeschichte auf das Erlebnis einer Geburt treffen, und wie man betroffene Frauen unterstützen kann, darum soll es in diesem Vortrag gehen.Zunächst jedoch möchte ich mich kurz vorstellen und Ihnen einen Einblick in den Kontext meiner Arbeit und die Bedingungen geben, mit denen Opfer sexueller Gewalt konfrontiert sind.

Wenn es um das Thema sexuelle Gewalt und Schwangerschaft geht, halte ich für einen grundlegenderen Einblick in das Thema folgende Aspekte für wichtig und hoffentlich auch für Sie für hilfreich, über die ich in der kommenden Stunde sprechen möchte:

Gliederung

  1. Strukturelle Rahmenbedingungen, mit denen Opfer sexueller Gewalt konfrontiert sind
  2. Sexuelle Gewalt als „Beziehungstrauma“ – eine Erfahrung mit persönlichkeitsverändernder Wirkung
  3. Wo geschieht sexuelle Gewalt?
  4.  In welchen Konstellationen können sexuelle Gewalt und Schwangerschaft aufeinander treffen?
  5. Wie können Sie werdende Mütter, die sexuelle Gewalt erlebt haben, stützen und stärken?

1. Strukturelle Rahmenbedingungen

In der Psychologischen Beratungsstelle des Notrufs betreuen wir Menschen, die sexuelle Gewalt erlebt haben. Wir arbeiten auf struktureller und politischer Ebene daran, die Situation von Opfern sexueller Gewalt zu verbessern und wir bieten Schulungen sowie Supervisionen für Fachpersonal an. Die Beratungsstelle blickt mittlerweile auf 33 Jahre gelebte Geschichte und Erfahrungswerte in der Betreuung sexuell Traumatisierter zurück. Es waren 33 bewegte Jahre, die davon geprägt waren, sexuelle Gewalt in den gesellschaftlichen Diskurs zu bringen, als Verbrechen zu benennen und zu skandalisieren sowie Hilfestellungen für Opfer zu schaffen. Dies war dringend notwendig. Erst seit 1997 ist die Vergewaltigung in der Ehe gesetzlich überhaupt als solche anerkannt und existent– und das ist noch nicht so lange her. Seit 1997 ist also gesetzlich anerkannt, dass es Vergewaltigungen im Rahmen häuslicher Gewalt tatsächlich gibt und dass sie ein Verbrechen sind. Was jedoch als Vergewaltigung anerkannt wird, das ist umstritten. Ich zitiere Katja Grieger (2010) vom Bundesverband für Frauennotrufe und Frauenberatungsstellen:

„Nur die Anwendung von Gewalt, die Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben sowie die Ausnutzung einer hilf- und schutzlosen Lage des Opfers sind bis heute als Tatbestandsmerkmale anerkannt. Die Konsequenz dessen und damit verbundene Probleme lassen sich anhand eines Urteils des Bundesgerichtshofs von 2006 verdeutlichen.

Darin heißt es:

‚Die knappen Feststellungen, nach denen der Angeklagte der Nebenklägerin die Kleidung vom Körper gerissen und gegen deren ausdrücklich erklärten Willen den Geschlechtsverkehr durchgeführt hat, belegen auch nicht die Nötigung des Opfers durch Gewalt. Das Herunterreißen von Kleidung allein reicht zur Tatbestandserfüllung nicht aus.‘ (BGH 3 StR 172/06 – Beschluss vom 22. Juni 2006 (LG Düsseldorf))“

Grieger (2010)

Nur eine Frau, die in der Lage ist, sich in der Situation einer Vergewaltigung körperlich massiv gegen ihren Vergewaltiger zur Wehr zu setzentrotz des Wissens um die körperliche Überlegenheit des Mannes, trotz Angst vor Verletzungen und Tötung, trotz der Tendenz zu erstarren, hat Chancen, dass ihre Vergewaltigung vor Gericht auch als solche anerkannt wird. Das bloße „Nein“ einer vergewaltigten Person wird in den seltensten Fällen vor Gericht als Widerstand anerkannt.

Dank des Zusammenspiels vieler engagierte Einzelpersonen, Institutionen und Berufsgruppen konnten einige Verbesserungen erreicht werden, die den betroffenen Frauen zu Gute kommen. So tritt die Frau im Strafprozess nicht mehr lediglich als Zeugin und „Spurenträgerin“ auf, sondern kann heute in der Position der Nebenklägerin aktiv am Prozess teilnehmen, wenn sie dies wünscht. Trotzdem gibt es noch viel zu tun. Ich schließe mich Katja Grieger (2010) vom bff an, wenn sie sagt:

„Es ist eine unbefriedigende Zwischenbilanz,

  • – wenn die Dunkelfeldforschung bestätigt, dass jede 7. Frau mindestens einmal in ihrem Leben Vergewaltigung oder schwere sexuelle Nötigung erlebt.
  • – wenn konstatiert werden muss, dass die Dunkelziffer bei sogenannten Sexualstraftaten 95% beträgt und somit nur 5% dieser Taten überhaupt zur Anzeige gelangen. Doch erst heute wird begonnen, darüber zu diskutieren, obwohl dieses Ergebnis seit 2004 bekannt ist.
  • – wenn das polizeilich erfasste Hellfeld, die jährlich erstatteten Anzeigen (in 2008 = 7292, bezogen auf Vergewaltigung und sex. Nötigung) nur zu einem sehr geringen Prozentsatz zu einer Verurteilung führen. Im Jahr 2008 waren es 14,6%.
  • – wenn ein pensionierter Staatsanwalt öffentlich und zu bester Sendezeit sagt: „Ichwürde meiner Tochter nicht zur Anzeige raten.“
  • – wenn der Verlauf einer Anzeige, das Verfahren und das Urteil für die Betroffenenwie zufällig davon abhängt, wo die Frau vergewaltigt wird, auf welcheProfessionellen sie trifft und ob sie zeitnah adäquate Unterstützung erhält.
  • – wenn vergewaltigte Frauen mit der Anzeigeerstattung zögern, da sie darin keineChance sehen. Sie befürchten, ihnen werde nicht geglaubt oder die Verfahren würden mit dem Hinweis Aussage gegen Aussage eingestellt.
  • – Wenn unablässig über Jahre hinweg Frauen aufgrund einer Vergewaltigung ihrerEntwicklungspotentiale, ihrer privaten und beruflichen Chancen beraubt werden.“

Grieger (2010)

2. Sexuelle Gewalt als Beziehungstrauma

Wie wirkt sich sexuelle Gewalt eigentlich auf einen Menschen aus? Unter den Erlebnissen, die eine traumatische Qualität erzeugen, rangieren Vergewaltigungen und sexueller Missbrauch gemeinsam mit Foltererfahrungen –bezogen auf die destruktive Wirkung, die sie im Individuum erzeugen – an erster Stelle – noch vor körperlicher Misshandlung,  dem Erleben von Naturkatastrophen oder anderen traumatischen Ereignissen. Sexuelle Gewalt geht unter die Haut. Es ist eine Form der Gewalt, die nicht von der Natur oder einer Maschine wie einem Auto oder einem Zug ausgeht, sondern sie wird von einem Menschen an einem anderen Menschen verübt. Im Falle sexueller Gewalt ist dieser Mensch meistens kein Fremder, Unbekannter, sondern in der überwiegenden Anzahl aller Fälle ein Mensch aus dem Umfeld: Es kann der Partner, der Vater oder Stiefvater sein, der eine Grenze überschreitet und die Betroffene missbraucht und ihr schwere, körperliche und psychische Gewalt zufügt. Diese Form der Gewalt zerstört die grundlegende Fähigkeit, menschliche Beziehungen überhaupt als etwas Haltgebendes, Beruhigendes und Sicheres erfahren zu können. Sie zerstört das Vertrauen in menschliche Beziehungen schlechthin – wenn es schlecht läuft, für den Rest des Lebens.

Sexuelle Gewalt lässt einen Menschen nicht mehr so, wie er einmal war. Wenn es zu sexueller Gewalt an einem Kind innerhalb der eigenen Familie gekommen ist – wenn ein Kind oder ein/e Jugendliche/rz. B. vom Vater oder Stiefvater sexuell missbraucht und ausgebeutet wurde und wenn die Mutter das Kind nicht beschützt hat, nicht beschützen konnte – dann wird diese Erfahrung mit großer Wahrscheinlichkeit dazu führen, dass die oder der Betroffene nicht das entfalten können wird, was sie/er eigentlich hätte werden können. Hierin liegt eine große Tragik. In der Beratungsstelle bin ich immer wieder mit Fällen betraut, in denen mir junge Frauen mit unglaublich viel Potential gegenüber sitzen, dass sie nie in ihrer Fülle entfalten konnten. Hätte es für diese Frauen eine frühe Intervention gegeben – hätte eine außen stehende Person, eine Institution, ein Bekannter der Familie etwas wahrgenommen und gehandelt, um die Situation für diese Frauen zu verändern – wie anders hätte ihr Leben verlaufen können! Mir gegenüber sitzen hochbegabte Frauen, deren Mut zu erforschen, zu experimentieren, deren Mut „in die Welt“ zu gehen und diese zu erleben im Keim erstickt wurde. Ihr Potential konnte sich nicht entfalten, sondern sitzt in ihnen wie ein starres, unbewegliches, eingefrorenes Organ. Statt ihre Fähigkeiten zu entwickeln und die sie umgebende Welt zu erforschen und zu erleben, trauen sie sich manchmal ohne Begleitung nicht einmal aus dem Haus und fühlen sich wie in einem gläsernen Käfig, von dem aus sie ein Leben beobachten, an dem Sie keine Teilhabe besitzen. Exemplarisch möchte ich den Frauen, die mir gegenüber sitzen, mit einigen Sätzen, die ich häufig höre, eine Stimme geben, um ein Gefühl dafür zu übermitteln, welche emotionale Wirkung sexuelle Gewalt haben kann:

Ich fühle mich lebendig tot.

Ich fühle mich nicht mehr.

Mein Vertrauen in Menschen ist verloren.

Ich kann die Beziehung zu meinem Mann nicht mehr aufrecht erhalten.

Ich bin schuld.

Mein Körper ist mir entrissen worden. Er gehört nicht mehr mir.

Nichts macht mehr Freude. Ich habe keine Lebenslust und keinen Lebenssinn mehr.

Wo immer ich hingehe, fühle ich mich beobachtet.

Ich bin beschädigt, ich bin nicht mehr ganz.

3. Wo geschieht sexuelle Gewalt?

Ist sexuelle Gewalt tatsächlich ein häusliches Thema? Die Fälle, die in den Medien groß rauskommen, sind in der Regel jene, in denen es sich um einen Fremdtäter handelt, der ein unbekanntes Mädchen greift, missbraucht und tötet. In solchen Fällen werden die Täter gemeingesellschaftlich als allerschlimmste, irre Psychopathen gehandelt, deren Tat – zu Recht – aufs schärfste verurteilt wird. Dabei geht jedoch ein wichtiger Aspekt verloren: Sexuelle Gewalt wird in aller Regel nicht durch einen Fremdtäter verübt, sondern sie findet im eigenen Heim statt, womit wir beim Thema dieser Tagung sind. Häusliche und sexuelle Gewalt sind eng miteinander verknüpft. Zu zwei Dritteln findet sexuelle Gewalt in der eigenen Familie statt. Sie wird in einem überwiegenden Anteil aller Fälle entweder durch den eigenen (Ex-) Partner, der gleichzeitig Vergewaltiger ist, verübt, durch Vater, Stiefvater, Großvater, Onkel oder andere Familienangehörige oder dieser Nahestehende, die sexuell missbrauchen. In einigen Fällen missbrauchen auch Frauen sexuell, dies ist jedoch eher selten. Nicht so selten, jedoch äußerst wahrscheinlich mit einem noch höheren Dunkelfeld belegt als bei Mädchen und Frauen ist die Zahl von Jungen, die Opfer sexueller Übergriffe werden.

Es fällt uns schwer, Täter sexueller Gewalt als Teil unseres nächsten Umfeldes zu begreifen. Es ist schwer, dem engagierten Trainer, dem sozial unermüdlich aktiven und angesehenen Parteimitglied, dem Nachbarn im Kirchenvorstand sexuelle Gewalt zuzutrauen. Jedoch rede ich immer wieder mit Frauen, die mir berichten, wie ihre missbrauchenden Väter zu den angesehensten Männern des Dorfes gehörten;dass sie geachtete und engagierte Mitglieder der Gesellschaft waren, denen niemand das zugetraut hätte, was die Frauen, mit denen wir im Notruf zu tun haben, uns täglich berichten.

Um sexuelle Gewalt da verorten zu können, wo sie am häufigsten passiert – im eigenen Zuhause – halte ich es für hilfreich, mit zwei Vorstellungen von Täterschaft aufzuräumen, die uns sowohl in der Beratungsstelle, weil die Opfer sie adaptiert haben, und außerhalb, in der Gesellschaft, immer wieder begegnen und die wir als Mythos verstehen – als einen Vergewaltigungsmythos, der Täter entlastet und die Opfer belastet. Sie sind:

  1. Der Täter ist ein Psychopath
  2. Der Täter hat einen ausgeprägt starken Sexualtrieb

In ihrer Dissertation über Vergewaltigungsmythen führt Brosi (2004) aus:

„Diverse Untersuchungen aber zeigen, dass die meisten Vergewaltiger psychisch unauffällig sind (Groth 1979). Zudem ergaben verschiedene amerikanische Umfragen, dass rund 26 % aller befragten Männer versucht haben, eine Frau zu sexuellem Verkehr zu zwingen; 15 % gaben zu, Sexualverkehr erzwungen zu haben (vgl. Bohner 1998) und 4,6 % der von Koss und Kolleginnen befragten männlichen Studenten, hatten ihrer Einschätzung nach den Tatbestand der Vergewaltigung schon einmal erfüllt (Koss, Leonard, Beezley und Oros 1985). Was die Verhaltensabsicht anbelangt, ergaben Studien, dass etwa ein Drittel aller befragten College Studenten es für möglich hielten, dass sie vergewaltigen würden, wenn sie dafür nicht mit einer Bestrafung rechnen müssten (Malamuth 1981).“

Brosi (2004)

Wenn wir diese letzte Studie von Malamuth ernst nehmen und deren Inhalt weiter denken, bedeutet dies, dass ein Drittel aller Männer, die Universitätsstandard erreicht haben, potentiell gewillt wären zu vergewaltigen, wenn die Situation gegeben wäre, dass sie nicht dafür bestraft würden – z. B.  wenn sie in einer Situation sind, in der sie Macht über das Opfer haben und dieses so einschüchtern können, dass sie davon ausgehen, dass es nicht reden wird. Hiervon geht der sozial angepasste, intellektuell begabte, absolut unauffällige Vater, Großvater, Stiefvater, Internatslehrer, Jugendleiter, Kaplan, Altenpfleger etc. von nebenan aus – und leider hat er meistens Recht.

Die zweite von mir angesprochene Vorstellung über Täter besagt, dass Männer ihren Sexualtrieb ab einem bestimmten Punkt nicht mehr kontrollieren könnten; dass ein Mann, sobald er sexuell erregt wird, nicht mehr in der Lage sei, sich zu kontrollieren. Er werde zum Tier, das probiert sein Ziel – den Sexualverkehr – notfalls mit Gewalt zu erreichen. Diese Vorstellung schränkt die Verantwortung des Mannes für seine Tat ein und gibt dem Opfer eine Mitschuld, da dieses über seinen sexuellen Reiz angeblich voll bestimmen könne (vgl. Brosi 2004).

Die erste Vorstellung von einem Psychopathen als Täter wird zur Erklärung überfallartiger, extrem gewalttätiger Vergewaltigungen benutzt. Die zweite Vorstellung findet bei sogenannten „Date-Rapes“ häufig Verwendung; Vergewaltigungen von Frauen durch Männer, die sie u. U. in einer spielerischen Weise kennen lernen und die auch miteinander flirten. Hier wird die Variante „unkontrollierbarer Sexualtrieb“ angewendet, die diese Taten „entschuldbar“ machen soll. Bei beiden gesellschaftlich weit verbreiteten Vorstellungen wird ausgeblendet, wo der Großteil sexueller Gewalt stattfindet.

Menschen die sexuell missbrauchen und vergewaltigen sind nur in den seltensten Fällen sozial auffällige „Psychopathen“. Sie sind unter unseren geschätzten Nachbarn und Bekannten – in unserem eigenen Umfeld und manchmal in unserer eigenen Familie. Es fällt uns schwer, sexuelle Gewalt nicht einem anonymen Fremdtäter zuzuschieben. Sexuelle Gewalt ist zu einem großen Umfang ein häusliches Thema. Sie passiert hinter verschlossenen Türen in den eigenen vier Wänden und damit da, wo sich Ihr Wirkungskreis als Doulas und GeburtsbegleiterInnen in der Vor- und Nachsorge befindet.

4. Sexuelle Gewalt und Schwangerschaft

Was passiert, wenn sexuelle Gewalt in unterschiedlichen Weisen mit Schwangerschaft und Geburt – dem Bereich Ihrer Expertise – zusammen trifft?

Ich möchte versuchen, verschiedene Varianten zu beleuchten, in denen sexuelle Gewalt und Schwangerschaft aufeinander treffen können. Um einen Einstieg in dieses Thema zu finden, möchte ich Ihnen zunächst zwei Filmausschnitte aus dem Film „Esmas Geheimnis“ zeigen. Sie sind sicherlich nicht leicht zu verdauen, aber ich glaube, dass es anhand von ihnen leichter wird, manche Aspekte, die ich für wichtig halte, zu verdeutlichen.

Zur Vorgeschichte des Films: Esma lebt mit ihrer 12jährigen Tochter Sara in Bosnien, in Sarajevo. Sie kümmert sich aufopferungs- und liebevoll mit all ihrer Kraft als alleinerziehende Mutter um ihre Tochter. Saras Vater, so erzählt Esma ihrer Tochter,ist als Schechid, als Kriegsheld an der Front gefallen. Esma stellt sich mit all ihrer Energie, mit ihrem Leben zwischen Sara und die Gewalt, die es in Bosnien und im Kosovo sowie in der Geschichte von Esma selbst gegeben hat. So möchte sie Sara und sich selbst beschützen. Sara braucht eine Bescheinigung, dass ihr Vater als Kriegsheld gefallen ist, um eine Ermäßigung für ihre Klassenfahrt zu bekommen und hat ihre Mutter schon mehrfach um diese Bescheinigung gebeten. An dieser Stelle setzt der folgende Filmausschnitt ein:

Szene 1:

Esma kommt nach Hause und wird von ihrer Tochter Sara zum wiederholten Male um die Bescheinigung gebeten, die ihr bestätigt, dass ihr Vater als „Kriegsheld“ gefallen ist. Die Mutter sagt ihr, Sara solle sie damit in Ruhe lassen. Als Sara dies nicht tut und ihre Mutter fragt, ob sie überhaupt wisse, wer ihr Vater sei und wer sie „gefickt“ habe, gibt Esma ihr eine Ohrfeige und verlässt fluchtartig den Raum. Als Sara nach einigen Momenten der Mutter folgt und diese sich zu ihr umdreht, hält Sara eine Pistole auf ihre Mutter gerichtet. Sie fragt ihre Mutter erneut, wer ihr Vater sei und möchte wissen, wo dieser gefallen ist. Esma sagt stammelnd, er sei an der Frontlinie gefallen, kann jedoch nicht benennen an welcher. Da beginnt Sara zu weinen und wirft ihrer Mutter – immer noch die Pistole auf sie gerichtet – vor, dass diese sie ihr ganzes Leben lang belogen habe und dass sie endlich die Wahrheit wissen wolle. Hierauf wird Esma sehr wütend, schlägt ihrer Tochter die Pistole aus der Hand und schubst sie vor sich her, bis Sara auf das Bett im Raum fällt. Dabei schreit sie ihre Tochter an: „Du willst also die Wahrheit wissen! Bist Du sicher, dass Du die Wahrheit auch ertragen kannst? Ich bin im Krieg vergewaltigt worden, grausam vergewaltigt worden! Du bist in einem KZ geboren! Dein Vater ist ein dreckiger Vergewaltiger! Du bist der Bastard eines dreckigen Vergewaltigers!“ Noch als Sara auf dem Bett liegt,schlägt ihre Mutter einige Zeit weiter unkontrolliert auf sie ein, während Sara schluchzt: „Nein, nein, das ist nicht wahr! Mein Vater ist ein Schechid!“ Esma lässt von ihr ab, verlässt den Raum und setzt sich wie versteinert schweigend im Nebenzimmer hin.

Die nächste Filmszene aus „Esmas Geheimnis“ spielt in einem Therapiezentrum, in dem sich Frauen aus Bosnien treffen, um ihre schrecklichen Kriegserlebnisse miteinander zu teilen. Esma nahm schon lange an diesen Treffen teil, jedoch hat sie noch nie auch nur ein Sterbenswort von ihren Erfahrungen berichtet.  Bisher war sie nur schweigende Zuhörerin. Nachdem es nun zu der gerade beschriebenen Eskalation zwischen Esma und ihrer Tochter gekommen ist, berichtet Esma zum ersten Mal von ihren Erlebnissen:

Szene 2:

Esma sitzt weinend in der Frauengruppe und beginnt, zu erzählen. Sie sagt: „Ich wollte sie umbringen. Ich schlug mit meinen Händen auf meinen dicken Bauch, damit sie von mir abfällt. Ich schlug zu so fest ich nur konnte. Es nützte nichts. Mein Bauch wurde immer größer und sie wuchs mit ihm.“ Während Esma berichtet, ist ihre Erzählung immer wieder von heftigem Schluchzen unterbrochen, aber sie erzählt weiter: „Sie hörten auch da nicht auf. Immer zwei. Manchmal drei. Jeden Tag.“ Esmas Gesicht ist schmerzhaft bewegt und sie atmet schwer, bevor sie weiterredet:„Im Krankenhaus, nachdem ich entbunden worden war, sagte ich: Schafft das Mädchen hier raus. Ich will sie nicht.“ Sie schluchzt auf. „Dann hörte ich die Kleine fürchterlich weinen. Durch die Wände habe ich sie gehört.“ Auch Esma weint weiter, während sie spricht:„Zwei Tage nach der Geburt merkte ich, dass die Milch einschoss.“ Sie seufzt tief und ihre Augen sehen etwas, was in weiter Ferne ist. „Ich sagte zur Hebamme: Bringt die Kleine her. Ich werd` ihr die Brust geben. Aber nur ein Mal. Sie brachten sie rein. Und als sie so in meinen Armen lag“, Esmas Gesicht verzieht sich vor Trauer und vor Liebe zu diesem Kind, während sie schluchzend weiter spricht: „Sie war so zerbrechlich und so… sie… sie war… einfach nur wunderschön. Ich… ich hatte zu diesem Zeitpunkt doch längst vergessen, dass es noch etwas Schönes auf der Welt gibt.“

Ausschnitt aus Zbanic, J. (2006): Esmas Geheimnis – Grbavica

Ich habe Ihnen die Spitze des Films gezeigt, an dem das schreckliche Geheimnis, das Esma hütet und nicht preisgeben möchte, letztlich doch nicht länger geheim gehalten werden kann und sich in all seiner Gewalt – auch für Esma nicht mehr kontrollierbar –  Bahn bricht. In ihrer Heftigkeit glaube ich, dass die Filmausschnitte einiges von der inneren Dynamik veranschaulichen, die entstehen kann, wenn eine Frau sexuelle Gewalt erleiden musste und wie sich dieses in einem Familiensystem auswirken kann.

Anhand der Filmausschnitte und über sie hinausgehend möchte ich folgende Aspekte sexueller Gewalt und Schwangerschaft beleuchten:

  • Verschiedene Verdrängungsmechanismen
  • Die transgenerationale Wirkung sexueller Gewalt
  • Schwangerschaften, die durch einen sexuellen Missbrauch oder eine Vergewaltigung ausgelöst wurden
  • Schwangerschaften, die gewollt sind, die jedoch in der Mutter frühere sexuelle Gewalterfahrungen reaktivieren und so unter Umständen ihre Fähigkeit zu primärer Mütterlichkeit untergraben

 

Folgende generelle Aspekte helfen hierbei meiner Ansicht nach, sexuelle Gewalt und ihre Auswirkungen besser einordnen und in einen Bezugsrahmen stellen zu können:

  • In welcher Entwicklungsphase trat das traumatische Ereignis – die sexuelle Gewalt – ein?
  • Wie sind die Entwicklungsphasen vorher verlaufen? Auf welche Ressourcen kann der/die Betroffene zurückgreifen?
  • Wie hat die soziale Umwelt reagiert?
  • In was für einer Beziehung stand der/die Betroffene zum Verursacher des Traumas, zum Täter?
  • Wie lange hielt die Traumatisierung an?
  • Wie verlief das Schicksal dertraumatischen Beziehung nach ihrer Internalisierung im Opfer?

Generell kann gesagt werden, dass die Folgen sexueller Übergriffe umso schwerer wiegen,

  • je früher die Traumatisierung entwicklungsgeschichtlich eintrat
  • je näher das Opfer dem Täter stand
  • je langanhaltener die Traumatisierung anhielt und
  • je weniger die soziale Umwelt das Opfer geschützt hat.

Verschiedene Verdrängungsmechanismen

Es gibt vor allem zwei Grundbewältigungsversuche extremer Traumatisierung. Sie sind:

  • Internalisierung der Gewalt, um ihr nicht von außen ausgeliefert zu sein
  • Dissoziation und Spaltung, um das Trauma aushaltbar zu machen

Hierzu ein Textauszug  aus einem Brief von Niki de St Phalle an ihre Tochter:

„Unser Haus war durchdrungen von Moral und Anstand: Erstickend wie ein Brutofen. In jenem Sommer steckte mein Vater seine Hand in meinen Schlüpfer… In mir zog sich alles zusammen vor Scham, Lust, Beklemmung und Angst. Mein Vater sagte: „Rühr dich nicht…“.  Ich gehorchte wie ein Roboter… Mein Vater hatte diese schreckliche Macht über mich, die Erwachsene über Kinder haben. Mein ganzer Hass richtete sich auf diesen so geliebten Vater. Ich kam mit diesem komplizierten Gefühl von Hassliebe, das ich für meinen Vater empfand, nicht zurecht. Ich war gefangen zwischen Liebe und Auflehnung. Ich gewöhnte mir Überlebensformen an und nahm die Schuld auf mich… Im Sommer der Schlangen hat mein Vater, der Bänker und Aristokrat, sein Geschlecht in meinen Mund gesteckt. Als ich 20 war, gewöhnte ich mir an, auf meiner Oberlippe rumzukauen. Es war ein richtiger Tic. Weitere 20 Jahre später hatte ich meinen Mund derart misshandelt, dass mir eine zweite Lippe gewachsen war. Ich trug meine Schande im Gesicht… Danach richtete ich meine Aggressionen gegen andere Teile meines Körpers… Traurige Menschheit! Immerzu wiederholen wir das Verbrechen, das uns angetan wurde.“

Niki de St Phalle, zitiert aus Hirsch (1996)

Beide Mechanismen zeigen sich auch in den Filmszenen:

Esma, die Mutter von Sara, hat mit all den Möglichkeiten, die ihr zur Verfügung standen, versucht, Sara und sich selbst vor der Gewalt, mit der Sara gezeugt wurde, zu beschützen und diese von sich und ihrer Tochter fernzuhalten. Trotz der erlebten Gewalt war Esma in der Lage, ihrer Tochter letztlich mit primärer Mütterlichkeit zu begegnen und eine genuine, wirkliche Liebesbeziehung zu ihr aufzubauen. In Esmas Fall ist es so, dass die erlebte sexuelle Gewalt nicht ihr gesamtes Vertrauen in menschliche Beziehungen zerstören konnte. Sie hat Freundinnen, mit denen sie vertrauensvolle Beziehungen lebt, und der Film erzählt, wie sie das erste Mal seit Saras Geburt langsam wieder die Fähigkeit erlangt, auch einem Mann ein wenig zu vertrauen. Es ist vorstellbar, dass es Esma leichter fiel, eine liebevolle Beziehung zu ihrer Tochter aufzubauen, da ihre Traumatisierung sich erst ereignete,  als sie schon eine erwachsene Frau war. Weiter ist vorstellbar, dass Esma vor dem Erlebnis der Vergewaltigungen und des KZs gute Beziehungserfahrungen, z. B. in ihrem Elternhaus machen konnte. Vielleicht hat sie selbst eine Mutter gehabt, die sie geliebt  und die ihr eine stabile, liebevolle Beziehungserfahrung ermöglicht hat, die sie dann verinnerlichen konnte. Wenn sie an so eine gute Beziehungserfahrung anknüpfen konnte, ist erklärbar, wie es ihr möglich war, doch eine Liebe zu ihrer Tochter zu entwickeln, obwohl diese unter unfassbarer Gewalt gezeugt wurde. Esma hatte wahrscheinlich aufgrund genügend gut gelungener früherer Entwicklungsphasen die Möglichkeit, in einen liebenden Kontakt zu ihrer Tochter zu treten.

Gleichzeitig portraitiert der Film auch, wie Angst seit den schrecklichen Vergewaltigungen ein ständiger Begleiter von Esma geworden ist – wie sie in der vollen S-Bahn zusammenzuckt, wenn ein Mann plötzlich nah neben ihr steht, oder wie sie im balgenden Spiel mit ihrer Tochter Sara plötzlich von Angst erfüllt ist und Sara wie aus dem Nichts unvermittelt barsch anschnauzt. In solchen Szenen wird deutlich, dass die schrecklichen Gewalterfahrungen Esma nicht so gelassen haben, wie sie einmal war, sondern dass die Auswirkungen der Gewalt in ihr geblieben sind, obwohl die Täter schon längst nicht mehr Bestandteil ihres Lebens sind – schon zwölf Jahre nicht mehr.Es gibt Persönlichkeitsanteile, in denen „funktioniert“ Esma gut – und wie abgespalten davon gibt es manchmal Momente, in denen es bei Esma „aussetzt“. Dann sitzt sie da und starrt in die Leere oder zeigt für ihre Tochter und ihre Umwelt unverständliche, aggressive oder angsterfüllte Reaktionsmuster. Die traumatische Realität lebt wie abgespalten auf einem Nebenschauplatz in Esma weiter. Ihre Gewalterfahrungen sind nicht integriert und leben als traumatisches Introjekt in ihr. Durch das Schweigen über das, was sie erlebt hat, möchte sie sich und Sara beschützen. Trotzdem übermittelt sie ohne es zu wollen etwas von ihrer Geschichte an ihre Tochter. Dies geschieht z. B. durch ihren manchmal leeren, in die Ferne starrenden Blick,durch ihre unerklärliche Angst in bestimmten Situationen und durch viele weitere Momente, in denen Esma sich körperlich an ihre Erfahrungen erinnert. Ohne mit Worten zu erzählen und ohne es zu wollen erzählt Esma durch ihre unerklärlichen Ängste, durch ihre Aussetzer und depressiven Momente etwas von dem, was ihr passiert ist. Ihre Tochter Sara muss mit der Angst der Mutter groß werden, ohne diese irgendwie zuordnen zu können oder Bilder für sie zu haben. Auf einer bewussten, verbalen Ebene verleugnet, spürt die Tochter trotzdem sehr genau die unzuordnungsfähigen, unheimlichen Aspekte ohne Worte, die einen Teil der Geschichte ihrer Mutter ausmachen.

Es mag Zufall sein, dass Sara im Film als Wahl der Konfrontation eine Pistole wählt, um die Wahrheit herauszufinden. Ohne es zu wissen, aber vielleicht doch unbewusst das erspürend, was ihre Mutter zur Eskalation verleiten  kann, bringt sie Esma auf der Suche nach einem verlorenen Anteil, den sie nicht kennt, genau in die Situation, die das Trauma reaktiviert.Dies ist eher ungewöhnlich. Meist spüren Kinder intuitiv, über was die Eltern nicht reden wollen oder können; das Schweigegebot der Eltern überträgt sich häufig namenlos und mächtig auf ihre Kinder.

In der gewaltvollen Konfrontation mit einer Waffe kann Esma die zwei Welten, die sie mühsam aufgerichtet hat, nicht mehr voneinander trennen. Mit enormer Machtbrechen die Anteile, vor denen Esma sich und ihre Tochter beschützen wollte, ungefiltert und überflutend hervor.

Esma selbst hatte keine Möglichkeit, die ihr zugefügte, grausame Gewalt zu integrieren. Sie hat so gut es ging versucht, die Gewalt abzuspalten und so möglichst weit von sich fern zu halten. Abspaltung ist jedoch nicht Integration und die Integration schwerer Gewalterlebnisse ist ohne Hilfe von außen manchmal kaum oder nur schwer zu schaffen.

Was wir ohne das Ende des Films zu sehen nicht wissen können, ist, dass die fürchterliche Weise, in der die so lange in Esma gespeicherte Gewalt sich schließlich doch Bahn gebrochen hat, der erste wirkliche Schritt zur Verarbeitung ihres tiefen Traumas war. So schlimm und unerträglich, wie der Gewaltausbruch, der das in Szene gesetzt hat, was Esma erlebt hat, für beide gewesen sein muss – der gewalttätige Höhepunkt des Films ist gleichzeitig der Beginn eines Neuanfangs, in dem das Trauma letztlich wirklich integrierbar, benennbar und in seiner Bedeutung für Mutter und Tochter fassbar wird. Wir können davon ausgehen, dass ab dem Punkt, an dem Esma ihr Leid in der therapeutischen Gruppe das erste Mal in Worte fassen kann und an dem sie erlebt, dass es einen Raum gibt, in dem das von ihr Erlebte ausgehalten wird, eine Veränderung stattfindet. Es wäre schön gewesen, wenn Esma schon vorher eine Möglichkeit gehabt hätte zu erleben, dass ihr Leid gehalten werden kann. Vielleicht wäre es ihr dann möglich gewesen, Sara in einer verarbeiteten, „verdauten“ Form von ihrer Herkunft zu berichten. EinElternteil, das Möglichkeiten hatte, den Schrecken bestimmter Erlebnisse gut zu verarbeiten, kann seinen Kindern davon berichtenohne selbst von Starre und Angst erfüllt zu sein. Die traumatische Qualität der Ereignisse wird dann nicht mehr weitergegeben. Manchmal ist dies nicht möglich und dann ist es gut, wenn es zu dem Zeitpunkt, in dem das Trauma aufbricht, ein haltendes Umfeld gibt.

Es gibt andere Fälle, in denen Betroffene auf keine guten Vorerfahrungen und kein haltendes Umfeld zurückgreifen können. Wenn eine Frau schon in ihrer Kindheit negative Beziehungserfahrungen machen musste und dann vielleicht durch eine Vergewaltigung schwanger wird oder wenn sie sexuell missbraucht wurde und keine Mutter da war, die sie geschützt hat, sondern – wie es in diesen Fällen meistens ist – wenn die Mutter sie ausgeliefert und das Geschehen zugelassen hat, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass die primäre Fähigkeit, menschliche Beziehungen als etwas Gutes zu erleben und positiv zu besetzen, zerstört ist. Häufig ist dann auch die Fähigkeit zu primärer Mütterlichkeit zerstört. In so einem Fall kann es passieren, dass die Mutter den Fötus in sich genau wie die Übergriffe in ihrer Vorgeschichte, denen sie hilflos ausgeliefert war, als etwas Fremdes, Gewalttätiges, in sie Eindringendes erlebt, gegen dass sie sich nicht wehren kann und dass sie abstoßen möchte. Es kann sein, dass eine Mutter – anders als im Film – auch nach der Geburt nicht in der Lage sein wird, das Kind anzunehmen. Wenn solche Mütter das Kind einer Vergewaltigung behalten, so ist es nicht selten, dass sie es das Kind sein Leben lang spüren lassen werden, dass es ungewollt ist. Es kann sein, dass so ein Kind ohne eine Aufarbeitung von dem Geschehenen ein Leben lang die Gewalt zu spüren bekommt, die ursprünglich der Mutter zugefügt wurde. Manchmal übernehmen Kinder, die aus einem sexuellen Missbrauch oder einer Vergewaltigung entstanden sind im gesamten Familiensystem eine „Sündenbockfunktion“, werden geschlagen und misshandelt. Aus diesem Grund können sie, wie zuvor die eigenen Mütter, nicht lernen, wie man Grenzen setzt oder wie man sich beschützt. Sie sind dann in ihrem späteren Leben mit einer wesentlich größeren Wahrscheinlichkeit Menschen ausgeliefert, die keine liebevollen Beziehungen führen und werden vielleicht immer weiter in unterschiedlichen Formen misshandelt, ohne sich wehren und schützen zu können.

Als Randnotiz möchte ich hier anmerken, dass ich davon ausgehe, dass ein Großteil der Frauen, die „freiwillig“ in der Prostitution arbeiten oder mit denen pornografisches Material hergestellt wird, solche oder ähnliche Biografien haben. Sie haben nur in einem unzureichenden Maße haltende und liebevolle Beziehungen erlebt und können sich nicht vorstellen, dass es so etwas für sie überhaupt gibt, geschweige denn, dass sie es einfordern könnten. Um solche Systeme aufzubrechen, braucht es häufig einen äußeren Dritten.

Auch wenn eine Frau es geschafft hat, sich aus einem missbräuchlichen Familiengeflecht zu befreien und eine liebevolle Beziehung aufzubauen, in der sie sich ein Baby wünscht, kann es sein, dass der gesamte Prozess der Schwangerschaft in einer besonderen Weise belastet ist.

Eine Schwangerschaft wird auch von Frauen, die keine sexuellen Gewalterfahrungen erleben mussten, als ein überwältigendes, lebensveränderndes Ereignis erfahren. Es gibt wohl kaum intimere Erfahrungen als Sexualität, Schwangerschaft und Geburt. Treffen Erfahrungen von sexueller Gewalt und Geburt zusammen, so erfahren sie manchmal eine ungute Verknüpfung in der Gegenwart und betroffene Frauen sind auf Hilfe angewiesen.

In bestimmter Hinsicht passiert durch eine Schwangerschaft ähnliches, wie bei sexueller Gewalt: es kommt ein Prozess in Gang, bei dem die Frau nicht mehr alleine bestimmen kann, was passiert. Ihr Körper macht einfach, was er will, ob ihr das passt, ob sie das gut findet oder nicht. Schon während der Schwangerschaft und besonders während der Geburt schauen plötzlich fremde Menschen ihren Körper an, sagen ihr, was sie machen soll und was passiert. Im Kreissaal oder dem Geburtshaus und häufig auch schon vorher fühlen die Frauen sich nicht nur nackt und ausgeliefert, sondern sie sind es ganz konkret. Sie liegen da, alle stehen drum herum und vielleicht kommt im Zeitalter von YouTube noch ein Ehemann im Eifer des Gefechtes auf die Idee, ein Video zu machen. Die Frau fasst nicht an, sondern sie wird angefasst. Sie bestimmt nicht mehr was geschieht, sondern zu einem gewissen Grad passiert einfach, ohne dass sie Einfluss nehmen könnte. Geburt führt generell zu Regression und bringt häufig frühe, emotional abgespaltene Ängste wieder ans Licht. Dies kann umso mehr bei Frauen passieren, die sexuelle Gewalt erlebt haben. Wenn die Frau es geschafft hat, sich von ihrer gewalttätigen Vorgeschichte ein wenig zu lösen und neue Beziehungsmuster aufzubauen, kann es sein, dass die Hand der Hebamme oder der Ärztin/des Arztes in der Vagina alte Erinnerungen wieder wachruft und wie eine Vergewaltigung empfunden wird oder dass die „Enteignung“ des Körpers durch den Fötus als so unaushaltbar erlebt wird, dass die Frau eine Abtreibung vornimmt.

Bei einer Geburt geht es um die Fähigkeit zu halten. Gerade Frauen und Männer, die sexuellen Missbrauch erlebt haben, wurden nicht ausreichend gehalten und ihre eigene Fähigkeit, ein neues Wesen bergen und halten zu können, wird während Schwangerschaft, Geburt und Elternschaftauf den Prüfstand gestellt. Ein sexueller Missbrauch oder eine Vergewaltigung zerstört nicht nur die Fähigkeit, in Beziehungen zu Anderen zu vertrauen. Auch die Beziehung zum eigenen Selbst wird angegriffen und manchmal in Teilen zerstört: sexuelle Gewalt kann die weibliche – und auch männliche – Fähigkeit zu bergen und zu halten kaputt machen. Vergewaltigungen greifen sowohl auf einer körperlich-konkreten Ebene die Gebärmutter an, wie auch die psychische Funktion des Haltens und „Containens“. Sexuelle Gewalt kann die normalerweise angeborene, intuitive Fähigkeit zu primärer Mütterlichkeit und Väterlichkeit angreifen oderzerstören.

In der Situation einer Geburt, die generell schon in den allermeisten Frauen sehr ambivaltente Gefühle hervorbringt, ist es eine enorme Hilfestellung, wenn eine Hebamme oder Geburtsbegleiterin/Doula da ist, die beruhigt, die hält, die die Frau in ihrer Fähigkeit Mutter zu sein und halten zu können bestärkt und beruhigt – genauso auch den Vater.

Und hiermit sind wir beim wichtigsten Teil dieses Vortrags angelangt: bei ihrer Funktion als Doulasund als Geburtsbegleiterinnen, die von außen in ein bestehendes Familiensystem oder Zuhause Einblick bekommen.

5. Wie können Sie werdende Mütter, die sexuelle Gewalt erlebt haben, stützen und stärken?

Wie kann man sie überhaupt erkennen? Es  gibt keine spezifischen Symptome, an denen man erkennen könnte, dass eine Frau einmal sexuelle Gewalt erlebt hat. Die Symptompalette ist so breit und groß wie die Symptome psychischer Störungen überhaupt. Wenn man einer Frau gegenüber direkt Mutmaßungen darüber anstellt und sie vielleicht konkret danach fragt, ob sie einmal missbraucht wurde, kann das auf manche Frauen beängstigend und verstörend wirken. Viele Missbrauchssituationen sind von einem ungeheuer starken Schweigegebot durch den Täter belegt und manche Frauen vertrauen ein Leben lang niemandem das an, was sie erlebt haben, wenn nicht eine äußere Situation sie so berührt, dass sie entweder Hoffnung schöpfen oder aber aufgrund einer Erinnerung an das so mühsam Verdrängte in der Gegenwart einen Zusammenbruch erleben.Manchmal ist eine Geburt oder das Erlebnis eines hilflosen, schreienden Säuglings, dem man nicht helfen zu können scheint, so ein Erlebnis und die Frauen berichten von sich aus, was sie selbst erlebt haben.

Wie können Sie mit der Situation umgehen, dass Sie in einen Haushalt kommen und aus den unterschiedlichsten Gründen das Gefühl entwickeln: „Hier stimmt etwas nicht“, ohne dass die Familienmitglieder von sich aus von ihrer Geschichte berichten, und auf der anderen Seite mit der Situation, dass eine Frau Ihnen vielleicht von Gewalt- und Missbrauchssituationen erzählt?

Wenn Sie merken, dass eine Frau in ihrer Fähigkeit zu halten und zu bergen angegriffen ist, dann hat das meistens eine Geschichte. Sie müssen nicht konkret nachfragen, sondern können auf Ihre Expertise des Beobachtens und Beratens zurückgreifen. Wir erleben immer wieder folgende Gefahr: Wenn es um Missbrauchssituationen in der Geschichte einer betroffenen Frau geht, dann ist aus dem Wunsch heraus unterstützen zu wollen nicht selten innerhalb des Helfersystems die Versuchung groß, selbst übergriffig zu werden, ohne es zu merken – sei es dadurch, dass man als „Detektivin“ auftritt und anfängt, konkret nachzufragen, wenn die Frau von sich aus gar nichts erzählen möchte, oder dadurch, dass man am liebsten Polizei und Rechtsanwaltschaft einschalten möchte, wenn man von einer sexuellen Gewalttat hört, die die Frau erlebt hat. Uns in der Beratungsstelle ist es wichtig, nichts über den Kopf einer betroffenen Frau zu machen, auch wenn diese Versuchung manchmal groß ist. Gerade, dass über sie hinweg gehandelt wird, hat eine gewaltbetroffene Frau schon zur Genüge erlebt. Wir finden stattdessen Folgendes wichtig: die Frau in ihren Fähigkeiten zu stärken und zu stützen ihre eigenen Empfindungen zu spüren und diesen zu vertrauen. In Ihrem Fall kann das häufig bedeuten, zu entlasten. Für eine Frau ohne sexuelle Gewalterfahrungen ist Schwangerschaft schon etwas Fremdes, Archaisches und die Geburtsbegleiterin ist oft die Mütterliche, Haltende, Beruhigende, von der diese Frauen sehr profitieren. Für viele Frauen ist eine Hebamme oder Geburtsbegleiterin in dieser Zeit „wie ein Engel“. Eine, der das Unbekannte vertraut ist und die sich auskennt. Da geht es dann darum, die Frau in dem zu unterstützen, was in ihr ist. Das Verkehrteste wäre es, der Frau das Kind aus der Hand zu nehmen und zu zeigen: „So müssen sie das machen. So geht das!“ Hilfreich könnte folgende Intervention sein: „Ich würde es möglicherweise so und so probieren“. Sie können die Frau in dem Wissen bestärken, dass sie alles hat was sie braucht, um eine gute Mutter zu sein, aber dass sie darauf vielleicht gerade nicht zugreifen kann. Unter Umständen ist es möglich, anzusprechen, dass es vielleicht etwas in ihrer Geschichte gibt, was sich anzuschauen lohnt – wenn die Frau das möchte, dann auch mit der Unterstützung professioneller Hilfe durch eine/n Therapeutin/en. Ich könnte mir vorstellen, dass es für Sie als Doulas entlastend sein könnte, für solche Situationen das Wissen um TherapeutInnen und Beratungsstellen zur Verfügung zu haben, auf die sie die Frauen aufmerksam machen könnten, so dass Sie selbst sich in Ihrer Expertise als Geburtsbegleiterin „ausruhen“ können und nicht das Gefühl entwickeln müssen, alleinverantwortlich eine viel zu große Last tragen zu müssen. In Ihrer Funktion als Doula können Sie viel tun, wenn Sie die Frau wertschätzend stützen und von außen kommend vielleicht den Funken einer Hoffnung zünden, dass es stabile und haltende Beziehungsmuster gibt – wenn Sie kurzzeitig zu einer Art Hilfs-Ich für die Frau werden. Hierbei kann es auch hilfreich sein, sich bewusst zu machen, dass auch die Reaktion „Eine Geburtsbegleiterin brauch ich gar nicht!“ schon ein Abwehrmechanismus sein kann. Manchmal kann es sein, dass Sie als Doula als übergriffig empfunden werden, ohne es zu sein;dass Sie voller Misstrauen betrachtet und abgelehnt werden, wenn die Frau kein Vertrauen in Beziehungen hat. Das nicht persönlich zu nehmen, sondern es als eine Reaktion aus der Geschichte der Frau heraus zu verorten kann entlastend sein.

Ich denke, dass es wichtig ist, sich bewusst den eigenen Handlungsspielraum klar zu machen – seine Möglichkeiten und seine Grenzen. Zu Beginn des Vortrages habe ich darauf aufmerksam gemacht, dass das Schicksal vieler Frauen anders hätte verlaufen können, wenn früh jemand von außen wahrgenommen hätte, was passiert, und wenn er oder sie gehandelt hätte. Sie arbeiten an der „Basis des Lebens“ – da, wo die Grundlagen für ein neues Leben gelegt werden und können hier viel wahrnehmen und innerhalb ihrer Expertise viel unterstützen.

Auf der anderen Seite jedoch halte ich es für genauso wichtig, auch die eigene Begrenztheit anzuerkennen und sich bewusst zu machen, dass Sie alleine vieles eben nicht halten und „reparieren“ können – dass Ihre Verantwortung ab einem bestimmten Punkt auch endet und dass im Einzelfall vielleicht auch Sie ein helfendes Netzwerk brauchen und um dieses Wissen sollten.

Weiter halte ich es für wichtig, dass auch Sie selbst in ihrer Professionalität gestärkt werden. Dies kann einmal durch gute Fortbildungen geschehen, so dass Sie über die tieferen psychischen Dynamiken informiert sind, die durch einer Schwangerschaft in Gang geraten und deshalb auch beruhigend wirken und erklären können, dass das gerade Geschehende ganz normal ist. Ich glaube, dass Sie in Ihrer Professionalität bei schwierigen Fällen ganz sicher auch von Supervisionen – vorzugsweise durch eine/n Psychoanalytiker/in, der mit den unbewussten Mechanismen, die bei Schwangerschaft und Geburt mobilisiert werden können, vertraut ist – profitieren würden.

…der Film hat ein hoffnungsvolles Ende. Auch in unserer Beratungsstelle  – und sicher auch bei Ihrer Tätigkeit – arbeiten wir voller Hoffnung, dass etwas Unintegrierbares doch ein Stück integrierbar wird und dass es Wege gibt, wieder etwas Gutes zu finden, woran festzuhalten und wofür zu leben sich lohnt.“

 

LITERATUR

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[1]Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland, Kurzfassung der Untersuchung von Schröttle und Müller (2004), herausgegeben vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Die Studie bietet ein umfassendes und repräsentatives Bild von Ausmaß, Hintergrund und Folgen von Gewalt gegen Frauen in Deutschland. Dazu wurden insgesamt 10.000 Frauen im Alter zwischen 16 und 85 Jahren in Interviews befragt.

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Psychologische Beratungsstelle des notruf für vergewaltigte Frauen und Mädchen e.V

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28203 Bremen
Telefon: (0421) 151 81

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STNr.:71-609 05888, Finanzamt Bremen-Mitte

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